Steckbrief “Hinderlicher Glaubenssatz”

Ein Glaubenssatz ist eine unüberprüfte hinderliche Annahme, die uns unabhängig von den aktuellen Umständen stereotyp handeln lässt. Er wirkt wie eine Straßenbahnschiene und lässt uns in bestimmten Situationen immer wieder dieselbe Strecke fahren, auch wenn wir gerne anders abbiegen würden.

Steckbrief
gesucht – „Hinderlicher Glaubenssatz“ – gesucht
Lohn für seine Ergreifung: mehr Freiheit

Hinderlicher Glaubenssatz

Besondere Kennzeichen:

  • Lässt uns stereotyp handeln: Handlungsschiene
  • Ist schwer zu erkennen: blinder Fleck
  • Verteidigt sein Revier: Abwehrhaltung
  • Verstärkt und tilgt Erfahrungen: Wahrnehmungsfilter
  • Verwendet Lieblingsvokabel und Subtext zu seinem Vorteil
  • Arbeitet mit Komplizen: Konditionierungen

Beschreibung:
Der “hinderliche Glaubenssatz” agiert im Verborgenen, vorzugsweise in unserem blinden Fleck. Als hätte man Spinat zwischen den Zähnen, den andere sehen können, aber wir selber merken nichts davon. Wenn uns ein lieber Mensch auf ein Muster aufmerksam macht, verteidigt der Glaubenssatz oft sein Revier und macht uns zu unwirschen Zeitgenossen. Wir gehen in Abwehrhaltung!

Der Glaubenssatz filtert unsere Wahrnehmungen: die Erfahrungen, die ihn füttern und stärken, werden aufgenommen, bestätigt und verstärkt. Erfahrungen, die den Glaubenssatz widerlegen könnten, werden ausgeblendet und/oder verschwinden in einem Fass ohne Boden.

Seine Lieblingsvokabel: immer – nie –  alle anderen –  nur ich – das tut man nicht – da muss man doch- da kann man nicht – das darfst Du nicht – Du musst Er verfügt über ein breites Subtext-Repertoire: von harsch- streng bis vorwurfsvoll klagend zieht er alle Register, um uns auf Schiene zu halten und sicherzustellen, dass wir uns mies fühlen, wenn wir auch nur den Versuch wagen, anders abzubiegen.

Achtung:
Er arbeitet mit gewieften Komplizen: es sind unsere Konditionierungen! Sie lagern im limbischen System und schicken unangenehme Somatische Marker aus. Nur wer das Schutzgeld zahlt und dem Glaubenssatz folgt, wird verschont.
Er tritt als Robin Hood auf, denn er glaubt, in guter Absicht für uns zu handeln: Loyalität dem eigenen Clan gegenüber, sichert das Überleben, das weiß jedes Kind! Er will verhindern, dass wir schlechte Erfahrungen wiederholen und merkt sich, was unangenehm war und wehgetan hat. Er prägt sich alte Gebote und Verbote ein und erinnert uns hartnäckig daran, sie einzuhalten auch wenn die Zeiten sich längst geändert haben.

Nützliche Hinweise zum Ent-Decken von „Hinderlicher Glaubenssatz“:
Beobachte dich selbst und deine Gefühle/ Reaktionen und vergleiche mit Deinen Erwartungen oder anderen Menschen in Deiner Umgebung:

  • Unangenehme Empfindungen bei Handlungen, die anderen ganz selbstverständlich zu sein scheinen.
  • Sehnsucht/Neid, wenn andere etwas tun, was man zwar auch tun könnte, sich aber irgendwie unangenehm und nicht machbar anfühlt.
  • Überraschung, wenn andere beiläufig Aussagen machen, die den eigenen Glaubenssatz aushebeln oder zumindest in Frage stellen. Dieses Phänomen ent-deckt häufig Glaubenssätze, die uns bisher gar nicht als störend aufgefallen sind.
  • Starke Abwehr, wenn andere durch Feedback den Glaubenssatz berühren. Über einfache Unterstellungen können wir meist etwas leichter die Schultern zucken.
  • Unbehagen, wenn Erwünschtes eintritt: endlich das ersehnte Wochenende, aber man kann es nicht so recht genießen. Der neue heiß begehrte Job, der mit einem Mal nicht mehr so toll erscheint, wenn wir ihn haben…
  • „Zufriedener- da siehst Du es!“ Tonfall, wenn Du eine Unannehmlichkeit, die Dir passiert ist erzählst, die einen Glaubenssatz füttert und bestärkt.

Nützliche Hinweise zum aktiven Erkennen von „Hinderlicher Glaubenssatz“:
Mach mal was anderes als bisher!

  • Übe jeden Tag mindestens drei Dinge anders zu machen als Üblich. Dadurch wird es leichter etwas zu orten, wo das „Anders Machen“ nicht ganz so leicht möglich ist. Dies könnte ein Hinweis sein.
  • Prüfe bei Belastungen, ob da ein unhinterfragtes „ich muss“ dahintersteckt. Dies könnte einem Glaubenssatz entspringen: du musst weitersprechen und kannst ein Telefonat nicht beenden, obwohl Du schon auf Nadeln sitzt; du musst jedes Nein mit einem Versprechen für später verknüpfen oder Ähnliches.
  • Hinterfrage regelmäßig Gewohnheiten, Muster und Abläufe: sind sie noch passend, wozu lohnt es sich, das weiterzumachen? Welche anderen Möglichkeiten stehen dir noch zur Verfügung?

Im Rahmen unseres Online-Aufstellungsabends am 18. November haben wir eine LErnAufstellung, LEA© zur Frage “Was ist nützlich, um einen hinderlichen Glaubenssatz in lebendige neue Handlungsmöglichkeiten umzuwandeln” mit folgenden Elementen gemacht:

  • Fokus
  • Ziel
  • Glaubenssatz
  • Gute Absicht
  • Kontext

Ziel dieser LEA© war es, Ideen zu gewinnen, wie ein hinderlicher Glaubenssatz in lebendige gegenwärtige Strategien umgewandelt werden kann. Ein Glaubenssatz beginnt immer als nützliche Strategie in einem bestimmten Kontext. Wenn Die gute Absicht in dem alten Kontext stecken bleibt und sich nicht weiter-entwickeln kann, dann entsteht ein Muster, eine Konditionierung, ein Glaubenssatz.

Im Aufstellungsbild war eine Diagonale zu sehen: Fokus, gute Absicht, Ziel und Glaubenssatz am einen Ende. Der Kontext fern ab am anderen Ende des Systembrettes. Ein erster Hinweis, dass der aktuelle Kontext nicht unmittelbar im Blick war.

Der zweite  Hinweis war die Position der guten Absicht. Sie stand (Online ist das auch in Corona-Zeiten möglich) Rücken an Rücken mit dem Fokus. Der Fokus blickte ins Aufstellungs-Feld, Richtung Ziel, Glaubenssatz und Kontext. Die gute Absicht dagegen war rückwärtsgewandt und blickte wenn wir uns eine Zeitlinie vorstellen, in die Vergangenheit. In dieser Konstellation fühlte sich der Glaubenssatz mächtig, dominant. Er sagte auch er wolle die da – Fokus, Ziel und ferner Kontext – stören.

Das änderte sich auf berührende Weise, als die gute Absicht mit Blickrichtung ins Bild neben den Fokus gestellt wurde. Der Glaubenssatz wurde weich und wohlig und meinte die gute Absicht wirke gut auf ihn. Auch bei Ziel und Kontext stellte sich ein wohliges Gefühl ein.

Danach ging es im Wesentlichen darum, Fokus, Ziel, gute Absicht, Glaubenssatz und Kontext in einen für alle Beteiligten stimmigen Reigen zu stellen. Es war viel Bewegung im Spiel. Kontext meinte am Ende: “jetzt wäre es passend, ein Menuett zu tanzen”.

Jeder Glaubenssatz entsteht aus einer ursprünglich nützlichen Strategie. Wenn es uns gelingt, die gute Absicht in den gegenwärtigen Kontext zu holen, kann der hinderliche Glaubenssatz wieder zu einer lebendigen im Hier und Jetzt nützlichen Strategie werden.

©Alexandra Schwendenwein und Harald Heinrich; Aufstellungsarbeit Wien

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